Ausstellung in Wittenberg „Hochzeit machen – das ist wunderschön?“

Wittenberg – Wer das Stichwort „Heirat“ in eine Suchmaschine im Internet eingibt, landet heute schnell in Las Vegas, wahlweise auch an einem Südseestrand unter Palmen oder auf einem Alpengipfel. Exotische Orte für das Jawort liegen im Trend. Der vielbeschworene schönste Tag des Lebens soll unvergesslich bleiben und will entsprechend gestaltet werden.

Heirat im 20. Jahrhundert

„Hochzeit machen – das ist wunderschön?“ lautet auch der Titel der jüngsten Ausstellung im Wittenberger Haus der Geschichte. Hier geht es allerdings nicht in die Ferne, sondern in die jüngere Vergangenheit. In der Exposition geht es ums Heiraten im 20. Jahrhundert – und das Fragezeichen in der Überschrift ist durchaus absichtsvoll. Denn in den Eheschließungen der 30er bis 70er Jahre werden die oftmals schwierigen Rahmenbedingungen der Zeit deutlich: von den Nöten des Krieges über die Entbehrungen der Nachkriegszeit bis zu den Herausforderungen, vor die die DDR-Wirtschaft Heirats- und Feierwillige stellte.

Brautpaar aus den 1970ern

Heirat in 1970-80er Jahren

Foto:

Klitsch

„Auch wenn es sich beim Heiraten um eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen zwei Menschen handelt“, konstatiert Museumsdirektorin Christel Panzig, „widerspiegeln die Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die jeweiligen sozialen und politischen Verhältnisse.“

Brautpaar 1940er

Paar in 1940er Jahren

Foto:

Klitzsch

Nicht zuletzt zeugen sie auch von Fantasie und Kreativität. Walter V. heiratete 1949. Für seinen Anzug und das Brautkleid hatte er an seinem Arbeitsplatz im Stickstoffwerk Filterstoff besorgt, der eigentlich zum Ansaugen von Teer benutzt wurde. Braungefärbt und mit Nadel und Faden in Form gebracht, diente er dem Paar als ganz einzigartiges Festtags-Outfit. Obwohl die Farbe nicht mehr ganz im Trend lag. Vor und nach der Jahrhundertwende heiratete die Braut zumeist in einem schwarzen Kleid. Aus ganz praktischen finanziellen Erwägungen. Das gute Stück konnte hinterher problemlos noch zu anderen festlichen Anlässen – einschließlich Beerdigungen getragen werden. Erst in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde nach und nach das weiße Brautkleid Mode. Sein Vorbild war die höfische Hochzeitskleidung. Zudem galt weiß als Zeichen der Reinheit und Jungfräulichkeit der Braut und entsprach damit kirchlichen Moralvorstellungen.

Brautpaar 1920er

Hochzeit in 1920er Jahren

Foto:

Klitsch

Diese warfen auch im Osten der Republik in den 50er Jahren manchen Schatten auf junges Glück in spe. Eine katholische Braut und ein zwar evangelisch getaufter, aber nicht christlich erzogener junger Mann – das rief damals den entschiedenen Widerspruch des Brautvaters hervor. In einem erzürnten Brief mahnte er, erst einmal „die weltanschaulichen Angelegenheiten“ zu regeln. Einige Jahre später fand im Betriebskulturhaus Wilhelm Pieck des Stickstoffwerkes die erste „sozialistische Hochzeit“ statt. Was 1961 als im Arbeitskollektiv gefeierter Ersatz für eine kirchliche Zeremonie gedacht war, setzte sich indes nicht durch.

Brautpaar 1950-60er

Blick in die 1950-60er Jahre

Foto:

Klitsch

Diese und noch viele andere Zeitzeugenberichte haben Mitarbeiter des Hauses der Geschichte zusammengetragen, die hier ihren Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Zusammen mit Fotos, Hochzeitszeitungen, Menü-karten sowie einigen Hochzeitskleidern in Weiß und auch in Schwarz aus dem Fundus vom Verein Pflug gibt die Ausstellung im Barockhaus so amüsante wie nachdenkliche Einblicke in eine gerade erst vergangene Zeit, die für die Nachgeborenen manchmal kaum weniger abenteuerlich und fremd anmutet, als ein Jawort unter Palmen oder unter Wasser.

Die Ausstellung „Hochzeit machen – das ist wunderschön?“ ist bis Anfang Mai im Barockhaus des Hauses der Geschichte in der Schlossstraße 6 in Wittenberg zu sehen. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Sonntag sowie feiertags 10 bis 18 Uhr. (mz)

 

Oroginal-Artikel auf: http://www.mz-web.de/wittenberg/ausstellung-in-wittenberg–hochzeit-machen—das-ist-wunderschoen—23775832

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